TONSPUR für einen öffentlichen raum
Klangarbeiten im MuseumsQuartier Wien
Ein Projekt von Georg Weckwerth und Peter Szely


TONSPUR 42
Peter Weibel [A]
Das Leben im 20. Jahrhundert: 225 Millionen Morde.
Ein Oratorium, 2011
8-Kanal-Installation
Länge endlos
Text und Konzept: Peter Weibel
Recherche: Adam Rafinski
Aufnahme, Klangregie, Realisation: Holger Stenschke
Sprecher: Annika Martens, Jonas Riemer
Projektleitung: Julia Gerlach
Produktion: TONSPUR für einen öffentlichen raum
entstanden am ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnolgie
Karlsruhe



13.06.11–20.08.11
MuseumsQuartier Wien
TONSPUR_passage [zwischen MQ Hof 7 und 8]
Täglich 10–20h
Eröffnung: So 12.06.11, 17h
Einleitende Worte:
Georg Weckwerth [Künstlerischer Leiter TONSPUR]
Peter Weibel [Künstler, Kurator, Theoretiker, Vorstand des
ZKM Karlsruhe]
Text von Romana Schuler – lesen


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DAS LEBEN IM 20. JAHRHUNDERT: 225 MILLIONEN MORDE
Eine männliche und weibliche Stimme zitieren Jahr für Jahr, von 1900 bis 2000, die Zahl der politischen Morde, den Ort der Morde und den offiziellen Titel. Würden die 225 Millionen Toten Name für Name gesprochen und jeder Name würde eine Minute lang ausgesprochen, so würde es ca. 430 Jahre dauern, all die Namen der politisch Ermordeten im 20. Jahrhundert aufzuzählen. In diesem Oratorium werden keine Namen genannt. Es handelt sich also um ein akustisches Monument für die Namenlosen. Denn die Opfer haben keine Namen. Nur die Sieger haben Namen, und Denkmäler. Ermordete sterben zweimal, real und symbolisch. Politisch Ermordete sterben unendlich oft, ewig, denn für sie gibt es keine Gerechtigkeit – auch nicht am Ende aller Tage. Die politisch Ermordeten existieren nur als Zahlen auf einer Liste und diese Liste interessiert niemanden. Nicht nur das Lager, auch die Liste, ist das Symptom des 20. Jahrhunderts. „Vivere no, muerte si“ – steht auf allen faschistischen Denkmälern. Das 20. Jahrhundert liebte das Leben nicht, denn es war das Jahrhundert der totalitären Systeme, die heute noch bis in den Alltag hinein regieren. 225 Millionen Tote, sinnlos aus politischen Gründen ermordet, sind das Ergebnis, eine unsichtbare Nation beinahe so groß wie Amerika.
Um die Toten von hundert Jahren Name für Name aufzusagen, braucht es Jahrhunderte. Den Tod zu zählen dauert länger als der Tod. Deshalb ist der Tod unbesiegbar. Die Kultur, das Erinnern, das Archiv, der Speicher, die Schrift, die Medien sind die einzigen, wenn auch armseligen, ärmlich seligmachenden Versuche, den Triumph des Todes zu schmälern und zu relativieren. Die Unendlichkeit des Todes in wenigen Minuten zu erzählen, indem ich die Todesziffern zähle, ist die List der Kunst, dem Tod seine Totalität zu nehmen.

Peter Weibel, Juni 2011

BIOGRAPHIE
Peter Weibel, geboren 1944 in Odessa, Ukraine, lebt und arbeitet in Karlsruhe, Deutschland.
peter-weibel.at









TONSPUR 42
Mit Peter Weibel [*1944, Odessa, Ukraine] wird die Liste bedeutender und einflußreicher Künstlerpersönlichkeiten fortgeschrieben, die sich auf Einladung von TONSPUR dem Raumklang widmen, respektive sich mit Strategien und Wirkmechanismen von im öffentlichen Stadtraum plazierten Klangarbeiten auseinandersetzen.
Die TONSPUR_passage im MQ Wien ist seit nunmehr fünf Jahren permanenter Aufführungsraum und somit Anschauungs- und Hörort der Resultate dieser zunehmend an Bedeutung gewinnenden künstlerischen Praxis, der der US-amerikanische Musiker und Pionier der Sound art, Max Neuhaus in seiner „Drive in Music“ von 1966 ein frühes Denkmal gesetzt hat. „The Passage works are situated in spaces where the physical movement of the listener through the space to reach a destination is inherent. They imply an active role on the part of listeners, who set a static sound structure into motion for themeselves by passing through it“, so Neuhaus.
Wir freuen uns sehr, daß es gelungen ist, Peter Weibel für einen Beitrag zu gewinnen. Die TONSPUR 42 für einen öffentlichen raum flankiert damit künstlerisch seine theoretische und vermittelnde Auseinandersetzung mit Klang als bildnerischem Material der Kunst. Nicht zuletzt seine Aussage „die Klangkunst ist eine der wichtigsten Strömungen der Kunst des 20. Jahrhunderts geworden,“ hat die mit Klang arbeitenden KünstlerInnen auf Augenhöhe gebracht mit den VertreterInnen der sogenannten klassischen Disziplinen.
>>> Zwei große Klangprojekte im öffentlichen Raum von Wien erlauben in den kommenden Monaten zusätzliche Studien: Matthew Ritchies Sonic Pavilion „The Morning Line“ der T-B A21 am Schwarzenbergplatz und Andres Bosshards KLANGHIMMEL MQ als TONSPUR_extra ∞ european_TONSPUR im Rahmen von 10 Jahre MQ im Haupthof des MuseumsQuartiers.

Georg Weckwerth, Mai 2011

PASSAGENGALERIE
Gestaltet von Peter Weibel – öffnen